Schau, schau! 3Sat-Slam-Show auf der Buchmesse Frankfurt. Mit mir. Und Laub.
Hör, hör! Heun-Portrait auf der Deutschen Welle. Mit mir. Ohne Laub.
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Es gibt 100 Wege, sich einem Land zu nähern. Ungefähr. Ein Weg ist, einen Tramper mitzunehmen. Wir nahmen Michelangelo mit. Am Straßenrand hingen schlaff trocknende Tabakblätter. Mit eben solchem Elan hing auch Michelangelo am Rand der schmalen Andenstraße kurz vor den Valles Calchaquies. Unter seinem Arm der Gitarrenkoffer. Michelangelo war Folkloremusiker mit maronenbrauner Haut, einer Art Schlapphut und diesem Blick, zu dem mir nur das Wort „listig“ einfällt. Sein knarzig vernuscheltes Spanisch verstand ich nur schwer, sein kariertes Hemd lappte unter seinem Pullover hervor. Er erzählte, dass er in Cafayate für Touristen spiele und jetzt zur Arbeit wolle. Sonntag, da müsse er mit seinem Freund spielen auf dem Dorfplatz. Michelangelo sprach danach leider nicht viel oder unverständlich und sah fortwährend listig aus dem Fenster. Als wir ihm einen Apfel anboten, krallte er ihn gierig und verspeist ihn mit hastigem Schmatzen. Michelangelo schlief des Öfteren ein und brummte dann etwas. Vielleicht ein Lied. So richtig blühte er eigentlich nur auf, als wir anhielten, um einen schönen Esel zu fotografieren: Er lachte spitz grinsend in sich hinein. Das fand Michelangelo wirklich witzig. Was für Touristen wir doch sind.

trocknender Tabak/ Elanmetapher

photogener Esel
Michelangelo und ich (Cafayate, Argentinien)
100 Wege… V Auto
Es gibt 100 Wege, sich einem Land zu nähern. Ungefähr. Ein Weg liegt hinter den verschmierten Scheiben eines Autos. Wir mieteten einen VW Gol, jawohl, richtig, ein Gol, kein Golf. Der Gol, das meistverkaufte Auto Argentiniens, ist eine vereinfachte Mischung aus VW Golf und Polo. Unser Gol, nun ja, knapp gesagt, er ist ein argentinisches Auto. Hinten fehlt das Nummernschild, er ist leicht eingedellt, der Seitenspiegel ist gesprungen, einige Türen lassen sich nicht öffnen. Insgesamt gefällt er mir aber, weil er ein Stück Freiheit ist, der Geschmack von Wüstenstaub auf der Zunge, der sich in den Horizont schlängelde Fahrbahnstreifen, eine kitschige Portion Glück zwischen Amerikaromantik und Roadmovie.
Den Gol durch die engen Andenstraßen in der Provinz Salta zirkelnd denkt man, es sei doch recht schön, nette rote Erde, ein witziges Lama am Wegesrand und dann kommen auf einen Schlag die farbgewaltigen Valles Calchaquies und prügeln die Wahrnehmung an ihr Äußerstes. So viel Schönheit. Die Sprache versagt an dieser Stelle, Fotos sagen mehr





Lediglich zu bemerken: Die Rockie Mountains können sich warm anziehen.
Es gibt 100 Wege, sich einem Land zu nähern. Ungefähr. Ein Weg lieg auf dem Rücken eines Mulis. In Mendoza wollte ich mit meinem mittelschlechten Spanisch an eine Muli-Tour gelangen. Das müsste toll sein. Der Muli ist der Tretroller unter den Reittieren. Und durchaus das angemessene Vehikel, wenn man darauf aus ist, die Umwelt eben einmal mit der Tranquilität jenes teuqillatrunkenen Südmexikaners aus dem Lucky-Luke-Heft zu erkunden, der seit der Siesta vollständig unter seinem Sombrero verschwunden ist und erst im letzten Bild, wenn alles vorbei und sogar der Rauch der Endschießerei in den Coltläufen längst erkaltet ist, erwacht. Nein, auf den vorletzen Bild, denn im letzten reitet Lucky Luke ja in den Sonnenuntergang. Diese Gemächlichkeit bewundere ich. Allerdings mag sie jenem Südmexikaner gut stehen, wäre aber für mich nervösen Mitteleuropäer vielleicht doch etwas nervenzehrend. Es kam anders. Meinem mittelschlechten Spanisch sei Dank, stellten die Mulis sich als kleine, ponyeske (Danke, Dorian) Bergpferdchen heraus, die einen muskelkaterverursachenden Trab vorweisen konnten. Staub wirbelte auf, die Berge standen blaudunstig und die Sonne ging erst etwas später unter.

Es gibt 100 Wege, sich einem Land zu nähern. Ungefähr. Ein Weg ist Bier. Man mag es sich kaum vorstellen, aber es gibt so etwas wie einen Pubcrawl um die Welt. Das alkoholkosmopolitische Zweiergespann bestehend aus dem Neuseeländer Eammon Conaghan und dem – wie könnte es anders sein – Iren Frank McNally haben ein Projekt erschaffen mit dem Namen „the twelfth pub“, welches sie auf irgendwelchen sonderbaren irischen Weihnachtstraditionen zu begründen meinen. Auf allen barfähigen 6 Kontinenten haben sie jeweils 12 Bars besucht finanziert von einer suspekten Anti-Kater-Pillen-Firma und einer Brauerei und ein Buch haben sie auch noch darüber geschrieben. Gäbe es zwölf Bars in der Antarktis, wären sie vermutlich auch dorthin geflogen. So enthält die Tour Bars in Dublin, Johannesburg, Chicago, Hong Kong, Perth und, nun ja, Buenos Aires. Mein britischer Sprachschulkollege Simon kennt besagten Iren und er und sein Mitreisender Will Jonsey Jones erläuterten mir eines Nachmittags bei unserem traditionellen „Mittachbrot um die Ecke“, es sei angebracht besagten Frank McNally zu ehren, indem wir den Pubcrawl-Part aus Buenos Aires nachpilgerten. Eingehend kratzte ich mich hinterm Ohr und bezahlte meine Rechnung bevor ich antwortete.
Es gibt 100 Wege, sich einem Land zu nähern. Ungefähr. Ein Weg ist, einem Überfall beizuwohnen. Ist gefährlich, kann aber sehr witzig sein. Zum Beispiel so:
Recoleta. Das wohl luxusriöseste Wohn- und Geschäftsviertel von Buenos Aires wurde zu der Zeit erbaut als Argentinien noch eines der reichsten Länder der Erde war. Große Villen im französischen Stil reihen sich um anmutige Parks. Teure Limusinen gleiten in die Tiefgaragen und die Rassehunde werden von Hundesittern zum Urinieren an die goldenen Laternen geführt. In Recoleta fühle ich mich so sicher, dass ich mein Geld auf der Straße zählen würde. Knapp 200 Meter von meiner Wohnung sitze ich also nachmittags in einem kleinen, völlig verglasten Cafe als mein Gegenüber mir rät, auf meine Tasche aufzupassen. Als ich nach der Tasche greife bemerke ich hinter mir in der Tür zwei unscheinbare Jungs in T-Shirts, knappe 20. Einer trägt ein lila T-Shirt und meint irgendetwas wie „keine Sorgen“ als ich meine Tasche nehme. Ja, ja, denke ich, keine Sorgen, und will mich umdrehen. Da sehe ich in seiner Hand eine Pistole, mittelgroß und silber. Nun fordert der andere, klein und dunkelblond, die Kasse und geht mit der Rückendeckung seines Kollegen zur Theke.
Unterbrechung. Normalerweise – so finde ich – würde es so weitergehen: Geld her, Kasse, Geld der Caféinsassen, Flucht, Polizei anrufen, Aufregung, vorbei. Aber normalerweise überfällt man auch nicht nachmittags ein kleines, verglastes Café mit der Selbstverständlichkeit eines Sonntagsbummels. Weiter.
Plötzlich stürmt der leicht pummlige Besitzer des Cafés unbeeindruckt und fluchend aus dem Hinterzimmer und beginnt mit einem hölzernen Tablett den Räuber ohne Pistole zu vermöbeln. Immer schön mit dem Tablett auf den Kopf. Der Räuber mit der Pistole schreit rum und guckt hilflos. Die Kellnerin schreit, dass der Räuber mit der Pistole eine Pistole habe. Der Räuber mit der Pistole schaut auf seine Pistole und auf den Knäul aus anderem Räuber und Besitzer dann gesellt er sich in die Prügelei. Die Prügelnden fallen halb auf mich und der Räuber mit der Pistole rennt davon. Der Besitzer und ein Mann, der aussieht wie Inspektor Columbo, verprügeln den lila behemdeten Räuber noch kräftig bevor dieser auch davonläuft. Fünf Sekunden später drücken ihn einen Block weiter zwei Polizisten auf den Boden. Die Show hat etwa eine Minute gedauert. Ich bin verwirrt und dann auf einmal sehr glücklich.
Es gibt 100 Wege, sich einem Land zu nähern. Ungefähr. Ein Weg ist Fußball. Man kann wohl sagen: Die Argentinier lieben Fußball und sich selber. Also ein Länderspiel. Wir besuchten das WM-Qualifikationsspiel Argentinien gegen Venezuela im ausverkauften Stadion von River Plate, dem Estadio Monumental Antonio Vespucio Liberti, besser bekannt als El Monumental. Unsere englische Begleitung stellte sich als ein Sicherheitsrisiko heraus. Nicht, dass sie im Venezuela-Trikot erschienen wären, sondern weil Argentinier wohl gerade bei Länderspielen mit Vorliebe gemeinschaftliches Engländer-Mobbing betreiben. Schon vor Spielbeginn entrollte man einen 10-Meter-Banner mit britischer Flagge in Form der Falklandinseln und einem plakativen „FUCK YOU“ darunter. Unsere englische Begleitung hielt sich von nun an wortkarg und wurde auch nicht euphorischer als einstimmig angestimmt wurde: „Jeder, der nicht springt ist ein Engländer“. Der Stadionboden bebte bedrohlich und die ganze blau-weiße Masse sprang fröhlich inklusive Logen und Gegner-Fanblock. Auch der Polizist neben uns wippte ein wenig. Die Stimmung war sonst wie erwartet grandios. Im ersten Spiel mit Maradonna als Trainer überrannte Argentinien das stolpernde Venezuela mit 4:0. Ich versuchte die Laute der spanischen Gesänge zu imitieren, um mitzusingen und genoss den kollektiven Torrausch. Am meisten beeindruckt hat mich der Feierei-Block, jener Block und seine Trommler zu deren unaufhörlich vorwärtstreibenden Rhythmus der gesamte Block volle zwei Stunden tanzte, egal wie das Spiel verlief, sie tanzten. Nur einmal unterbrachen sie und hüpften, um keine Engländer zu sein.
immer alles so anders
hier
stehen turmhoch chromstahlblüten
ist mick jagger jung und reicht sein mikro
jesus der noch auf baustellen predigt



Tommy. Tommy ist Schweizer. Er teilt mit mir eine Klasse in der Spanisch-Schule und ist rundherum ein klasse Kerl. Hier nur vier seiner Eigenschaften:
- Tommy geht verloren. Drei mal bin ich schon abends mit Tommy unterwegs gewesen. Er ist immer irgendwann verloren gegangen.
- Tommy ist Skifahrer. Er war vier Wochen Skifahren in etlichen Skigebieten in den USA. Er bekommt leuchtende Augen, wenn er vom trockenen Champagne-Powder erzählt. Ich auch.
- Tommy ist Schweizer. Mein Wissen über die Schweiz ist recht begrenzt und deswegen genieße ich Tommys Schweiz-Stories sehr. Beispielsweise wenn er von seiner Zeit als „Schwinger“ erzählt. Das hat nichts mit Sex zu tun, sondern ist eine traditionelle schweizer Sportart, eine Art Abwandlung des Ringen, die jedoch auf einer kreisförmigen Fläche voller Sägemehl ausgeübt wird. Man greift sich Gegenseitig an der Schwingerhose und versucht den Gegner auf den Rücken ins Sägemehl zu werfen. Die dabei verwandten Griffe tragen herrliche Namen wie: „Hüfter“, „Buur“ oder „Wyberhaagge“ Bei den großen Schwingerwettbewerben gibt es urige Sachpreise, z.B. ein Rind.
- Tommy ist authentisch. „I don’t read newspapers, just Pornoheftchen.“ Das muss man erstmal zugeben. Geradeheraus und herrlich ehrlich ist auch, wenn er im Spanischunterricht auf die Frage, was er gern esse, antwortet: „Bambi con Sauerkraut!“ Oder, wenn er den Namen „Jorge“ beim Vorlesen ausspricht wie „Schorsch“.